#381

Apostelgeschichte 27,1-20

Die Schiffsreise nach Rom: Mühevoller Beginn …

1 Als es dann so weit war, dass wir[1] nach Italien abreisen sollten, wurden Paulus und einige andere Gefangene einem ´römischen` Offizier übergeben, einem Hauptmann namens Julius, dessen Regiment den Ehrentitel »Kaiserliches Regiment« trug. 2 Wir gingen an Bord eines Schiffes aus Adramyttium, das die Küstenstädte der Provinz Asien anlief, und stachen in See. Aristarch, ein Mazedonier aus Thessalonich, begleitete uns. 3 Am folgenden Tag legten wir in Sidon an. Julius behandelte Paulus sehr zuvorkommend und erlaubte ihm, seine Freunde aufzusuchen, um sich von ihnen mit allem Nötigen versorgen zu lassen. 4 Wieder auf See, zwang uns ein heftiger Gegenwind[2], im Schutz der Küste von Zypern weiterzusegeln[3]. 5 Als wir dann das offene Meer vor Zilizien und Pamphylien durchquert hatten, legten wir in Myra in Lyzien an. 6 In Myra fand unser Hauptmann ein Schiff aus Alexandria, das auf dem Weg nach Italien war und auf das er uns umsteigen ließ. 7 Viele Tage lang machten wir nur wenig Fahrt, und als wir schließlich mit großer Mühe bis auf die Höhe von Knidos gekommen waren, gelang es uns wegen des starken Windes nicht, dort anzulegen. Statt dessen nahmen wir Kurs auf Kreta, steuerten am Kap Salmone vorbei und segelten auf der dem Wind abgekehrten Ostseite an der Insel entlang. 8 Mit größter Mühe ging es dann an ´der Südküste von` Kreta weiter, bis wir schließlich einen Ort namens Kaloi Limenes[4] erreichten, einen Hafen, der nicht weit von der Stadt Lasäa entfernt ist. 9 Inzwischen war viel ´kostbare` Zeit verstrichen; sogar der ´jüdische` Fastentag[5] war schon vorüber, und ´so spät im Herbst` war die Schifffahrt mit hohen Risiken verbunden.[6] Deshalb warnte Paulus die Besatzung. 10 »Männer«, sagte er, »ich sehe große Gefahren auf uns zukommen, wenn wir die Reise fortsetzen. Wir riskieren nicht nur den Verlust der Ladung und des Schiffes, sondern setzen auch unser eigenes Leben aufs Spiel.« 11 Doch der Hauptmann schenkte den Worten des Steuermanns und des Schiffseigentümers[7] mehr Vertrauen als dem, was Paulus sagte. 12 Und da der Hafen von Kaloi Limenes zum Überwintern wenig geeignet war, sprach sich fast die gesamte Mannschaft dafür aus, noch einmal in See zu stechen. Man wollte versuchen, bis nach Phönix zu kommen, einem ebenfalls auf Kreta gelegenen Hafen, der nur nach Südwesten und Nordwesten hin offen ist ´und daher besseren Schutz bietet[8]`. Dort wollte man dann den Winter über bleiben.

… Irrfahrt im Sturm

13 Als nun ein leichter Südwind einsetzte[9], sahen sich die Seeleute in ihrem Vorhaben bestätigt. Sie lichteten die Anker und fuhren so dicht wie möglich an der Küste Kretas entlang. 14 Doch es dauerte nicht lange, da brach von den Bergen der Insel her ein orkanartiger Sturm über uns herein, der gefürchtete Nordost[10]. 15 Das Schiff wurde mitgerissen, und alle Versuche, es zu drehen und gegen den Wind zu segeln, waren vergeblich. Wir mussten das Schiff dem Sturm preisgeben und uns treiben lassen. 16 Als wir dann ´eine Zeitlang` im Schutz einer kleinen Insel namens Kauda dahintrieben, gelang es uns – wenn auch nur mit größter Mühe -, das Beiboot[11] unter Kontrolle zu bringen 17 und an Deck zu holen. Außerdem trafen die Seeleute verschiedene Schutzvorkehrungen: Sie spannten Taue um den Schiffsrumpf, ´um ihn vor dem Auseinanderbrechen zu bewahren`; und weil sie fürchteten, in die Große Syrte[12] ´mit ihren Sandbänken` verschlagen zu werden, brachten sie den Treibanker aus und verlangsamten dadurch das Abdriften. 18 Weil uns der Sturm weiterhin mit unverminderter Gewalt zusetzte, warfen die Seeleute am nächsten Tag einen Teil der Ladung über Bord. 19 Und wieder einen Tag später beförderten sie sogar Teile der Schiffsausrüstung eigenhändig ins Meer. 20 Tagelang waren weder die Sonne noch die Sterne zu sehen, ´sodass keinerlei Orientierung möglich war,` und das Unwetter tobte so heftig, dass wir zuletzt jede Hoffnung auf Rettung aufgaben.

[1] = [Beginn des dritten »Wir-Berichtes«. Durch die Einbeziehung seiner Person informiert der Autor der Apostelgeschichte den Leser darüber, dass er Paulus auf dem betreffenden Reiseabschnitten begleitet hatte]
[2] = [Der im Sommer vorherrschende West- oder Nordwestwind]
[3] = [Also entlang der Ostseite der Insel (statt an der Küste des Festlands; nach anderer Auffassung: statt auf der kürzeren Route südlich von Zypern)]
[4] = [»Gute Häfen«]
[5] = [Der Große Versöhnungstag (Jom Kippur; 3. Mose 16,29-31; 23,26-32), der im Jahr 59 n. Chr. (so die wahrscheinlichste Datierung dieser Schiffsreise) auf einen besonders späten Zeitpunkt fiel (Anfang Oktober)]
[6] = [Von Mitte September an war die Schifffahrt auf dem Mittelmeer zunehmend gefährlich; im Winter wurde sie völlig eingestellt]
[7] = [Der Schiffseigner reiste gewöhnlich mit und nahm dabei die Aufgabe eines Kapitäns wahr]
[8] = [Nämlich vor den gefährlichen Ost- und Nordostwinden des Winters (vergleiche Vers 14)]
[9] = [Sodass also keine Gefahr bestand, von der Küste abgetrieben zu werden]
[10] = [Griechisch "Eurakýlon". Nach einer weniger gut bezeugten Lesart handelte es sich um den "Euroklýdon" , einen Südostwind; in diesem Fall wäre das Schiff an die Westküste Griechenlands getrieben worden (siehe die Anmerkung zu Kapitel 28,1)]
[11] = [das gewöhnlich im Schlepptau fuhr]


Fragen

1. Was verlangsamt die Reise immer wieder? (V. 4+7) (Verständnisfrage)

2. Was ist wohl der Grund, dass der Schiffseigner und alle anderen, die an dem Getreidetransport verdienen, den Rat von Paulus verwerfen und unbedingt die Reise trotz Gefahren fortsetzen wollen? (V. 9-12) (Bedeutungsfrage)

3. Manchmal sind wir nicht Herr der Lage und müssen uns treiben lassen wie die Seeleute. Sie trennen sich sogar von ihrer Ausrüstung. Welchen Ballast musst du loswerden, um nicht in den Stürmen des Lebens unterzugehen? (V. 18-19) (Anwendungsfrage)